Um komplexe Sachverhalte darzustellen, sind Analogien und Vergleiche immer eine gute Herangehensweise. Durch die Verwendung tief im Menschen verwurzelter Sinnbilder und Geschichten werden komplizierte Themen stark vereinfacht und somit verständlicher für Jedermann. Häufig versagen diese Metaphern jedoch im Detail oder sind zumindest nicht wörtlich zu nehmen. So wurde beim Bau des neuen Berliner Flughafens sicher jede Menge Geld verschwendet, aber niemand wird wahrhaftig annehmen, dass dort tatsächlich Geld aus dem Fenster geworfen wurde … Hoffentlich.
Es gibt Fragestellungen, bei denen es nicht DIE EINE WAHRHEIT gibt. Stattdessen gibt es verschiedene Blickwinkel, die es zu berücksichtigen gilt. Und dementsprechend sind auch mehrere Metaphern sinnvoll, um den jeweiligen Blickwinkel zu verdeutlichen. Aus diesem Grund befasst sich der nachfolgende (nicht immer ganz ernst zu nehmende) Artikel mit dem Thema Backup und Recovery unter der Verwendung antiker mythologischer und realer Figuren.
In der griechischen Mythologie ist die Hydra ein Ungeheuer mit vier Köpfen. Herakles musste dieses Monster töten, stellte aber fest, dass mit jedem abgetrennten Kopf zwei neue nachwuchsen. Als IT-Verantwortlicher für das Thema Backup & Recovery steht man aus technologischer Sicht häufig vor der gleichen Aufgabe. Man möchte ein Problem lösen, schafft sich dadurch aber zwei neue Probleme. Zusätzlich gibt es noch organisatorische Anforderungen, deren Lösung häufig nicht nur zwei, sondern gleich drei oder gar vier neue Schwierigkeiten entstehen lassen. Ein paar Beispiele aus der Praxis:
Ziel: Ein Unternehmen möchte die Frequenz seiner Datensicherung erhöhen.
Ziel: Ein Unternehmen will ein vorhandenes Recovery-Konzept in der Praxis testen.
Ziel: Nach einer Attacke durch einen Verschlüsselungstrojaner sollen infizierte Systeme aus dem Backup wiederhergestellt werden.
Man merkt schnell, dass jede Aufgaben- und Problemstellung vielschichtige Konsequenzen nach sich zieht, und diese können technologischer, organisatorischer oder im einfachsten Falle schlicht menschlicher Natur sein. In jedem Fall steht aber fest, dass die Herakles-Methode, nämlich mit dem Schwert auf die Hydra einzuschlagen, in den wenigsten Fällen zu einem positiven Ergebnis führt …
Keine andere Tätigkeit in der IT-Branche kommt einer Sisyphusarbeit so nahe wie die Verantwortung für ein aktuelles, zuverlässiges und vernünftiges Backup- & Recovery-Konzept. Zwar werden heute keine IT-Mitarbeiter mehr genötigt, einen schweren Stein immer und immer wieder einen steilen Hang hinauf zu rollen (und das nicht nur, weil die meisten dazu körperlich schlicht nicht in der Lage wären). Trotzdem handelt es sich dabei um eine „ertraglose Tätigkeit ohne absehbares Ende”.
In 98 % aller Fälle wird es nämlich völlig bedeutungslos sein, ob besagtes Backup- & Recovery-Konzept funktioniert. Solange kein Mitarbeiter versehentlich eine Datei löscht, muss das Backup auch nicht laufen. Solange kein Verschlüsselungstrojaner sein Unwesen treibt, spielt es auch keine Rolle, ob Lizenzen für die Disaster Recovery Software gekauft wurden oder nicht.
Ein vernünftiges und zuverlässiges Backup- & Recovery-Konzept kann am Tag X den Unterschied machen zwischen kopflosem Durcheinanderrennen und geordnetem Wiederanlauf.
Dazu ein echtes Beispiel aus der Praxis:
Die IT-Landschaft eines Kunden aus der Kunststoffindustrie mit etwa 150 Mitarbeitenden wurde durch einen Verschlüsselungstrojaner infiziert, was zum Ausfall des ERP-Systems und der meisten Verwaltungsanwendungen führte.
Ausgangslage beim Kunden:
Der Kunde hatte das formale Backup- & Recovery-Notfallkonzept erst wenige Monate zuvor fertiggestellt und war, in Anbetracht der Umstände, sehr zufrieden!
Das zuvor beschriebene Beispiel mit einem Kunden, der seine Umgebung zeitnah wiederherstellen konnte, ist selbstverständlich ein positives Szenario. Es war aber reiner Zufall, dass der Kunde genau diese Situation erst kurz zuvor durchdacht, geplant und auch getestet hatte. Man wäre schlecht beraten, wenn man sich immer auf Zufälle verlassen würde. Aber gerade bei kleinen Unternehmen wird durchaus regelmäßig noch mit der „es wird schon gut gehen“ Attitüde gearbeitet. In zunehmend digitalisierten Arbeitsprozessen wird diese Gefahr oft unterschätzt und birgt ein enormes wirtschaftliches Risiko.
Es liegt in der Natur der Sache, dass man sich nur auf Situationen vorbereiten kann, an die man bewusst gedacht hatte oder sich zumindest abstrakt vorstellen kann. Wie kann man sich also auf ein Damoklesschwert vorbereiten, dass man über sich überhaupt nicht sehen kann? Oder noch schlimmer – ein Risiko, das man sich nicht mal abstrakt vorstellen kann? Möglicherweise haben die Bewohner von Pompeji zu dieser Frage einen ganz besonderen Zugang …
Man kann den Gedanken aber auch noch weiterführen, indem man Themengebiete berücksichtigt, bei denen auch das beste Backup- & Recovery-Konzept nicht mehr helfen kann, zum Beispiel wenn die Backups defekt sind oder überhaupt keine Plattform mehr für eine Wiederherstellung verfügbar ist.
Einige Denkanstöße dazu:
Pauschal lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Jedes Unternehmen hat sein eigenes Damoklesschwert (oder unter Umständen auch mehrere). Generell lässt sich nur sagen, dass niemand gerne auf dem Stuhl sitzt, über dem dieses Schwert hängt!
Das Fazit dieses Artikels ist so einfach wie auch schwierig, denn dieses Thema kann in einem einstündigen Workshop abgehandelt oder unendlich aufgeblasen werden. Dem Unternehmen obliegt die grundsätzliche Risikoabschätzung und damit auch die Bereitschaft zur Investition von Zeit und Geld zur Bekämpfung dieser Risiken.
Es ist völlig illusorisch, dass ein so komplexer Sachverhalt beim ersten Mal gleich vollständig abgehandelt wird. Es kann sein, dass in Ihrem Unternehmen ein iteratives Vorgehen sinnvoll oder gar notwendig ist. Insofern gehört zum einen die Bereitschaft zum Aufbau einer Fehlerkultur dazu und zum anderen das Verständnis von Backup & Recovery als Prozess.
Noch vor 10 Jahren haben Verschlüsselungstrojaner in Backup- & Recovery-Konzepten keine bedeutende Rolle gespielt, aber heute machen Sie einen großen, wenn nicht sogar dominierenden Anteil davon aus. Das Thema entwickelt sich also stetig weiter und wir dürfen alle gespannt sein, was die nächste Stufe nach Verschlüsselungstrojanern sein wird.
Nur eine Sache ist wirklich sicher – in der Antike gab es keine Probleme mit Backup & Recovery. Da war alles noch sicher (außer Pompeji) …